Growth Mindset
6 Minuten Lesezeit · Für Lehrkräfte, Referendar*innen und alle, die mit Lernen zu tun haben
Kaum ein psychologisches Konzept der letzten 20 Jahre hat so viel Aufmerksamkeit bekommen wie das Growth Mindset von Carol Dweck. Dieser Artikel erklärt, was Dweck wirklich meint und warum der Unterschied zwischen Fixed und Growth Mindset für Lehrkräfte unmittelbar relevant ist.
Die Forscherin hinter dem Konzept - Carol Dweck und die Frage, warum manche Menschen wachsen
Carol Dweck ist Professorin für Psychologie an der Stanford University und hat ihr Forscher leben einer einzigen Frage gewidmet: Warum geben manche Menschen bei Rückschlägen auf und andere nicht? Ihre Antwort, entwickelt über jahrzehntelange Forschung mit Tausenden von Kindern und Erwachsenen, mündete in einem Konzept, das 2006 im Buch Mindset: The New Psychology of Success veröffentlicht wurde und seitdem Bildungssysteme weltweit beeinflusst.
Die zentrale These ist einfach: Menschen unterscheiden sich in der Überzeugung, ob ihre Fähigkeiten unveränderlich sind oder durch Anstrengung entwickelt werden können. Und diese Überzeugung beeinflusst, wie sie mit Herausforderungen umgehen, Fehler verarbeiten und letztlich wie viel sie lernen.
Die zwei Denkweisen - Fixed Mindset vs. Growth Mindset: Was den Unterschied macht
Dweck unterscheidet zwei grundlegende Überzeugungen über Fähigkeiten und Intelligenz. Diese Überzeugungen sind nicht unveränderlich, aber sie prägen, wie Menschen Herausforderungen, Fehler und Feedback begegnen.
Was die Forschung zeigt - Wie Mindset Lernen und Leistung beeinflusst
Dwecks Forschung zeigt: Das Mindset, das Menschen haben oder das ihnen vermittelt wird, hat messbare Auswirkungen auf schulische Leistungen, Ausdauer bei Herausforderungen und den Umgang mit Rückschlägen. In einem ihrer bekanntesten Experimente wurden Fünftklässler nach einem einfachen Test entweder für ihre Intelligenz gelobt (Du bist wirklich klug!) oder für ihre Anstrengung (Du hast wirklich hart gearbeitet!). Das Ergebnis war eindeutig: Kinder, die für Intelligenz gelobt wurden, zeigten danach weniger Bereitschaft, schwierigere Aufgaben zu wählen, aus Angst, nicht mehr klug zu wirken. Kinder, die für Anstrengung gelobt wurden, wählten häufiger anspruchsvollere Aufgaben und schnitten bei späteren Tests besser ab.
Dieses Ergebnis hat weitreichende Konsequenzen, besonders für Lehrkräfte, die täglich Feedback geben, loben und beurteilen.
Ein zentraler Befund
Wie man lobt, ist wichtiger, als ob man lobt. Lob für Intelligenz fördert Fixed Mindset. Lob für Prozess und Anstrengung fördert Growth Mindset.
Von der Theorie zur Sprache - Wie Fixed und Growth Mindset klingen - im echten Leben
Growth Mindset ist kein Persönlichkeitsmerkmal, das man hat oder nicht hat. Es ist eine Denkweise, die sich in konkreten Sätzen zeigt - und verändern lässt. Diese Gegenüberstellungen zeigen, wie groß der Unterschied in der Formulierung sein kann:
Fixed Mindset: Ich bin einfach nicht gut in Mathe.
Growth Mindset: Ich bin noch nicht gut in Mathe - aber ich lerne.
Fixed Mindset: Das schaffe ich sowieso nicht.
Growth Mindset: Das ist schwer. Was kann ich tun, um weiterzukommen?
Fixed Mindset: Ich habe Fehler gemacht - ich bin schlecht.
Growth Mindset: Ich habe Fehler gemacht - was kann ich daraus lernen?
Fixed Mindset: Dieses Feedback ist unfair.
Growth Mindset: Dieses Feedback ist unbequem. Was steckt darin, das mir helfen kann?
Fixed Mindset: Sie ist einfach talentierter als ich.
Growth Mindset: Sie hat mehr geübt. Was kann ich tun, um aufzuholen?
Für Lehrkräfte - Warum Mindset im Klassenzimmer beginnt
Lehrkräfte können das Mindset ihrer Schülerinnen und Schüler nicht direkt verändern. Aber sie können Bedingungen schaffen, unter denen Growth Mindset wahrscheinlicher wird oder unwahrscheinlicher. Wie wird mit Fehlern umgegangen? Wie lautet das Feedback nach einer schlechten Prüfung? Was wird gelobt, das Ergebnis oder der Prozess? Wer im Unterricht immer nur richtige Antworten wertschätzt, sendet ein klares Signal: Es geht darum, klug zu wirken. Wer Fragen, Umwege und Korrekturen als Teil des Lernens behandelt, sendet ein anderes.
Zum Mitnehmen für den Unterricht:
Das Wort 'noch' ist machtvoll. 'Ich verstehe das nicht' ist eine Aussage über den Moment. 'Ich verstehe das noch nicht' ist eine Aussage über Entwicklung. Dieser eine Zusatz verändert die Botschaft grundlegend.